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KURZKOMMENTARE

Weltwirtschaft: Widerstandsfähigkeit gefragt

Aus Sicht der Kapitalmärkte entwickelten sich die grundlegenden Trends der Weltwirtschaft vor dem Ölpreisschock im März besser als erwartet. Die Einkaufsmanager-Indizes im März waren überraschend gut, besonders in der Industrie.

Der Verbrauch von Rohöl (etwa 2%) und Erdgas (etwa 1%) machte im Jahr 2025 etwa 3% der Weltwirtschaft (BIP) aus. Ein Anstieg der Öl- und Erdgaspreise um 10% führt damit rein rechnerisch zu einer Umverteilung von 0,3% der Kaufkraft von den Öl- und Gasverbrauchern zu den Produzenten. Wenn die Preise um 10% steigen, sinkt die weltweite Wirtschaftsleistung in der Regel um 0,1% bis 0,15% (d.h. nicht um den vollen Betrag der gestiegenen Energiekosten, u.a. da Verbraucher zumindest vorübergehend auf Ersparnisse und bestehende Lager zurückgreifen können). Modellbasierte Schätzungen zeigen, dass das globale Preisniveau um rund 0,2% steigt (mit Zweitrundeneffekten, d.h. der Weitergabe höherer Energie- und Arbeitskosten, in der Kerninflation).

Ein Anstieg der Öl- und Gaspreise um 20% bis 30% dürfte verkraftbar sein, während eine nachhaltige Verdopplung mit einer spürbar schwächeren Weltwirtschaft und einer deutlich höheren Inflation einhergehen würde. Auch das monetäre Umfeld hat sich verschlechtert (steigende Anleiherenditen in Erwartung höherer Notenbankzinsen). Was die Ölpreissensitivität angeht, sind die importabhängigen europäischen Volkswirtschaften gefährdet. US-Verbraucher spüren die Auswirkungen höherer Benzin- und Heizölpreise unmittelbar. Da etwa 80% des Öls (und fast ebenso viel beim LNG), das die Strasse von Hormus passiert, für Asien bestimmt sind, wird diese Region derzeit stark getroffen. Asien kann kurzfristig auf Reserven zurückgreifen und profitiert derzeit von positiven Trends im Technologiesektor. Länder mit niedrigem Einkommen sind überdurchschnittlich stark von steigenden Energiepreisen betroffen (und zusätzlich, falls die Nahrungsmittelpreise aufgrund der aktuellen Düngerknappheit steigen). Weltweit gibt es strategische Ölreserven, um Versorgungslücken in den kommenden Monaten zu überbrücken, während die Gasreserven vergleichsweisegering sind.

Angesichts der derzeitigen Fokussierung auf Risiken ist anzumerken, dass die Weltwirtschaft in den letzten Jahren mit einigen Schocks konfrontiert war. Zu den bedeutendsten zählten die Pandemie (2020), die Inflation und die geldpolitische Straffung im Anschluss an die Pandemie (2021), der Ausbruch des Ukraine-Kriegs (2022) und schliesslich die US-Zölle (2025), wobei sich die Weltwirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen hat als oft befürchtet wurde.

(April 2026)

Anlagestrategie: Positiver Rahmen, Ölpreisrisiken

Derzeit – und es bleibt offen, wie lange – dominiert die Ölpreisentwicklung und damit möglichen Folgen des Irankriegs auf die Weltwirtschaft. Damit sind Risk-Off-Trades im Fokus, deren Trends allerdings meist wieder drehen, sobald die Unsicherheiten nicht mehr zunehmen bzw. sich die fundamentalen Risiken als überschaubar erweisen.

Der zugrundeliegende Trend bei den Wirtschaftsprognosen war unlängst positiv, bei gleichzeitig etwa stabilen Erwartungen für die Inflation. Diese Konstellation hat sich in der Vergangenheit fast immer als unterstützend für die Börsen erwiesen. Zudem steigen die Unternehmensgewinne weltweit mindestens im hohen einstelligen Bereich. Das monetäre Umfeld (Zinsen und Währungen) ist weitgehend im Gleichgewicht und beeinflusst derzeit die Börsen wenig.

Das Thema Künstliche Intelligenz ist im Februar in den USA, verbunden mit einem enormen Abgabedruck bei vielen auf Software basierenden Unternehmen, vom Träger der Börsen-Rallye zumindest vorübergehend zum Belastungsfaktor geworden. Zulieferer und Ausrüster von Datenzentren, besonders Industriebetriebe (eine Reihe davon ist in Europa beheimatet), Versorger und Halbleiterproduzenten profitieren demgegenüber weiterhin vom Aufbau von KI-Infrastruktur. Europa, als «Old Economy» Markt mit geringer Gewichtung von Software-Unternehmen, ist von KI-Risiken derzeit weit weniger betroffen. Neben Europa zeigen auch Asiens Börsen (MSCI Emerging Asia, aber auch Japan) gewinngestützt positive Trends. Auch hier steht das Thema «KI-Disruption» nicht im Vordergrund. Im Übergang ins KI-Zeitalter hat der US-Markt vorübergehend zwar etwas an Attraktivität eingebüsst, bleibt aber aufgrund der grossen Zahl global führender Unternehmen strategisch interessant.

Bei guter Konjunktur schneiden zyklische, d.h. vom Konjunkturverlauf geprägte, Branchen vergleichsweisegut ab. Auch kleinere und mittelgrosse Unternehmen profitieren.

Auf Basis recht attraktiver Renditeniveaus und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Szenarien bleiben mittelfristige Anleihelaufzeiten eine gute Wahl. Bei guter Konjunktur schneiden Unternehmensanleihen, auch das hochverzinsliche Segment, besser ab als Staatsanleihen (unabhängig von den aktuell diskutierten Risiken am institutionellen Markt für private Kredite). Beim US-Dollar agieren wir leicht vorsichtig, trotz positiver Zinsdifferenz zu europäischen Währungen und einer deutlich widerstandsfähigeren US-Konjunktur als oft befürchtet.

(März 2026)

Westeuropa

Bodenbildung der Industrie?

Europas Wirtschaft entwickelte sich 2025 besser als gedacht, allerdings auf verhaltenem Niveau. Im Euroraum legt der private Konsum im Bereich von 1,0-1,5% zu.

Die Industrieproduktion im Euroraum ist höher als vor Jahresfrist und liegt, ähnlich wie in den USA, etwa auf dem Niveau vor der Pandemie. Das Sondervermögen Infrastruktur findet allmählich den Weg in Deutschlands Wirtschaft. Auch der Auftragseingang der Industrie zeigt eine, allerdings zaghafte, Erholung.

In der Summe bleibt das Wachstum in Westeuropa zwar verhalten, zeigt aber Erholungstendenzen, auch im Industriebereich. Die Inflation liegt seit längerem im Rahmen des Zielbereichs der Europäischen Zentralbank.

(Februar 2026)

Branchen und Themen 2026

Zyklische Branchen: Konjunktur spricht für Neutral- bis Übergewichtung

Technologie: 2025 hat KI den Ausschlag gegeben. KI bleibt auch 2026 prägend, und das Gewinnwachstum der MagnificentSeven liegt gemäss Konsensschätzungen über dem des US-Gesamtmarktes. KI führt derzeit primär Technologiebereich zu Umwälzungen. Softwareunternehmen müssen beweisen, dass ihre Wettbewerbsvorteile Bestand haben. Wir sehen dennoch Aufholpotenzial bei ausgewählten Tech-Unternehmen, bei denen KI bislang nicht als treibende Kraft wahrgenommen wurde.

Industrie: Bei insgesamt stabiler Industrieproduktion bleiben Elektrifizierung und Datenzentren zentral. Die Bewertungen sind in den letzten Jahren v.a. in Europa gestiegen. Europäische Rüstungstitel: Starkes Wachstum in den kommenden Jahren.

Zyklische Konsumgüter Europa (in den USA prägen die Mag7 diesen Bereich): Bei Luxusgütern stabilisiert sich der Geschäftsverlauf und zeigt 2026 ein tiefes, aber positives, Wachstum, nach einem Rückgang in den letzten Jahren. In der Summe spricht dies, trotz Rallye in den letzten Monaten, für die Aktien. Bei den Automobilherstellern wird es 2026 erneut kaum Produktionswachstum geben, wobei sich bei einigen Herstellern die Umsätze stabilisieren, was leicht positiv ist.

Versorger: Themen sind Elektrifizierung und Datenzentren (ähnlich wie in der Industrie), wobei v.a. die Übertragungsnetze ein Engpass sind. Engpässe und höhere Strompreise sind eher in den USA (Hotspot der Datenzentren) als in Europa zu erwarten. Trotz positiver Mittelfrist-Trends ist 2026 eine ähnlich starke Performance europäischer Versorger wie 2025, bei abnehmender Gewinndynamik, nicht zu erwarten.

Basis-Industrie/Rohstoffe: Selektive Chancen, bei Rohstoffen in Abhängigkeit der Angebots-Nachfrage-Verhältnisse. Öl- und Gasproduzenten: Angesichts der rückläufigen Ölpreise scheinen die Bewertungen hoch, bei weiterhin sehr attraktiven Cashreturns(Dividenden und Aktienrückkäufe) für die Aktionäre.

Finanzwerte: Europäische Banken mit nachlassender, aber positiver Gewinndynamik, bei historisch durchschnittlicher Bewertung. Im Versicherungssektor geht die Phase mit unüblich hohem Wachstum allmählich zu Ende, bei gleichzeitig eher hoher Bewertung. Bei stabilen Zinsen und guter Konjunktur sehen wir zusehends Potenzial im Immobiliensektor. Finanzwerte USA: Banken sind etwa voll bewertet und Versicherungen nach Rückschlägen wieder interessant.

Klassische defensive Branchen

Konsumgüter des täglichen Bedarfs: Eine der schwächsten Branchen der letzten 10 Jahre, insbesondere in Europa. Wir erwarten für 2026 ein insgesamt verhaltenes, aber leicht positives Wachstum (Nahrungsmittel und Spirituosen weiterhin vergleichsweise schwach, Haushaltsprodukte verhalten, Pflegeprodukte eher positiv). Die Bewertungen sind i.d.R. anspruchslos.

Gesundheitssektor: Die Performance im Pharmabereich wird unternehmensspezifisch von der Produkte-Pipeline und der Bewertung bestimmt. Insgesamt ist das Wachstum eher verhalten. Der Druck der US-Regierung auf die Pharmapreise dürfte eingepreist sein. Bei führenden US-Med-Tech-Unternehmen sehen wir weiterhin positive Trends und angemessene Bewertungen. In Europa ist die Aktienauswahl in diesem Segment vergleichsweiseanspruchsvoll.

Marktsegmente

Bei guter Konjunktur:

-Outperformance: Zykliker und Finanzwerte, Small- und Mid-Caps. Regional eher Emerging Asia/Europa, USA aber mit positiven KI-Trends und fortgesetztem Wachstum der MagnificentSeven.
-Unterdurchschnittlich: Quality-Growth, defensive Branchen, Energie.

KI bleibt vorerst das dominierende Technologiethema, wobei KI-bedingte Umwälzungen absehbar den Technologiesektor am stärksten treffen (u.a. bestehen Befürchtungen über das „Ende von Software“). Die Einführung von KI und die damit verbundenen notwendigen Prozessanpassungen werden in den meisten Bereichen der Unternehmenswelt länger dauern als oft vermutet.

(Januar 2026)

KI-Szenarien für die kommenden Jahre

Aus Anlegersicht stellen sich bezüglich der weiteren Entwicklung des Themas «Künstliche Intelligenz» (KI) eine Reihe von Fragen. Für die kommenden Jahre zentral ist, inwiefern es KI-Anbietern gelingt, jene Umsätze – insbesondere wiederkehrende Umsätze mit unternehmensspezifischen Lösungen (KI-Agenten) – zu generieren, welche die aktuellen und geplanten, enorm hohen Investitionen rechtfertigen. Bei den Umsätzen besteht auch ein gewisser zeitlicher Druck, da Anlagekomponenten – besonders Halbleiter und Server – in wenigen Jahren nicht mehr State-of-the-Art sind und ersetzt werden müssen.

Letztlich ist relevant, in welchem Mass sich KI-Lösungen in der Weltwirtschaft ausbreiten. In einem optimistischen Szenario besteht ein erhebliches Potenzial in fast allen Bereichen der Wirtschaft, auch in der industriellen Fertigung. KI-Lösungen könnten im besten Fall den Stellenwert vieler anderer Innovationen der Vergangenheit, u.a. auch des Internets, bei weitem übersteigen.

Unternehmensseitig dominieren derzeit Tech-Giganten (Hyperscaler), welche über die nötigen Mittel verfügen, Modell-Entwickler finanziell zu unterstützen und als Anbieter umfassender KI-Lösungen zu positionieren. Bei den Modellen herrscht ein intensiver Wettbewerb. Auf Eigenentwicklungen verlassen sich Alphabet (Google) mit Gemini, dessen Version 3.0 Pro gerade einen Quantensprung gemacht hat, Metamit der Open-Source-Plattform Llamaund Alibaba mit den sehr leistungsfähigen Qwen-Modellen, welche in China und Teilen Asiens zum Standard werden könnten. Microsoft  setzt auf die Partnerschaft mit OpenAI (ChatGPT) und, seit November, Anthropic (Claude), wo auch Amazon signifikant investiert hat. Erwähnenswert unter den Modellen ist Elons Musks xAI(Grok). Neben «etablierten» Large Language Modellen werden auch neue Wege beschritten. Ein Beispiel sind SLMs (Small Language Models), propagiert etwa durch das chinesische Unternehmen DeepSeek. Weitere KI-Labore im chinesischen Ökosystem sind 01.AI, ZhipuAI und MoonshotAI. Ein europäisches KI-Modell stammt von Mistral AI (Frankreich). Spezialisierte eigene Modelle verwenden die im Rüstungsbereich tätige Helsing (Deutschland) und die mit Behörden als Zielkunden operierende Aleph Alpha (Deutschland).

Wir gehen davon aus, dass die Hyperscalerauch in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle im grossflächigen Anbieten von KI-Lösungen für Unternehmen und Behörden spielen werden. Damit dürfte KI, insbesondere für die US-Wirtschaft und die Gewinne führender US-Tech-Unternehmen, ein Wachstumsfaktor bleiben. Eine Umsatz- oder Investitionsdelle ist jederzeit möglich, wenn auch nicht zwingend, besonders nach 2026, da hier die Budgets noch nicht gesprochen sein dürften.

(Dezember 2025)

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